Schmerzarten und Schmerzerkrankungen

Neue Erkenntnisse in der Schmerzforschung haben gezeigt, dass es für eine erfolgreiche Behandlung wichtig ist, den Schmerz nicht nur nach Stärke und Dauer, sondern auch nach der Art des Schmerzes zu beurteilen. Dies gilt für akute und chronische Schmerzen gleichermaßen.

Es gibt drei verschiedene Schmerzarten:
  • Rezeptorschmerzen (= nozizeptive Schmerzen):

    Diese Form des Schmerzes wird durch eine Verletzung oder Gewebeschädigung ausgelöst. Werden die Schmerzmelder (= Nozizeptoren) gereizt, leiten sie diese Information als Schmerzsignal weiter. Geht das Schmerzempfinden von der Haut, den Muskeln, den Gelenken, den Knochen oder dem Bindegewebe aus, ist in der Regel auch diese Stelle betroffen. Schlechter zu lokalisieren sind Eingeweideschmerzen, weil hier eine Störung der inneren Organe die Beschwerden verursacht.

    Beispiele für Rezeptorschmerzen: akute Schmerzen, post-operativer Schmerz, Knochenbrüche, Hautverletzungen, Gelenkerkrankungen, Entzündungen, Koliken, Krämpfe
  • Nervenschmerzen (= neuropathische Schmerzen):

    Diese Form des Schmerzes ist auf eine Schädigung oder Fehlfunktion der Nervenfasern zurückzuführen. Das bedeutet, dass der Nerv selbst und nicht die Schmerzrezeptoren den Schmerz hervorrufen. Dabei kann der Schmerz nicht nur am Ort der Verletzung, sondern an einer ganz anderen Körperstelle empfunden werden. Nervenschmerzen bleiben auch ohne akute Schädigung bestehen und sind schwieriger zu behandeln als Rezeptorschmerzen.

    Beispiele für Nervenschmerzen: Amputationen (= Phantomschmerzen), Verletzungen des Rückenmarks, Gürtelrose, Diabetes mellitus, Tumoren, Infektionen, Neuralgien
  • Gemischte Schmerzen (= Mischform aus Rezeptor- und Nervenschmerzen):

    Vielen chronischen Schmerzen liegt nicht nur eine Schmerzart zugrunde. Vor allem bei Rückenbeschwerden und Tumorschmerzen durch eine Krebserkrankung treten beide Schmerzarten auf. Aber auch Arthrose und andere häufige Schmerzerkrankungen können zu gemischten Schmerzen führen. Die Diagnose ist nicht immer eindeutig – wird jedoch nur eine Komponente erkannt und behandelt, werden die Schmerzen nicht ausreichend gelindert.

Häufige Schmerzformen im Alter

Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für bestimmte schmerzhafte Erkrankungen. Zu den häufigsten Ursachen von Schmerzen gehören bei den über 60-Jährigen degenerative Erkrankungen des Bewegungs- und Stützapparates wie zum Beispiel Arthrose und Osteoporose, rheumatische Erkrankungen, Nervenerkrankungen, Veränderungen an Muskeln und Sehnen sowie Krebsleiden. Häufig lösen auch depressive Erkrankungen, Angst und Verzweiflung Schmerzen aus. Andere Schmerzformen treten im Alter seltener auf – von Kopfschmerzen wie Spannungskopfschmerz, Migräne oder Gesichtsschmerzen werden eher jüngere Menschen geplagt.

  • Rückenschmerzen

    Es ist ein Kreuz mit dem Kreuz – zwei Drittel der Deutschen leiden mindestens einmal im Jahr unter Rückenschmerzen. 70 Prozent aller chronischen Erkrankungen gehen auf das Konto von Lendenwirbelsäule, Nacken, Bandscheiben und Co. Bewegungsmangel, Stress, einseitige Belastung und Haltungsfehler zählen zu den Hauptursachen der Volkskrankheit. In einigen Fällen können Rückenschmerzen auch die Folge schwerer Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Osteoporose sein. Bei 85 Prozent aller Patienten ist allerdings keine klare Ursache auszumachen. Rückenschmerzen können sowohl neuropathische als auch nozizeptive Schmerzmechanismen zugrunde liegen. Oft sind es Schmerzen, die zur gemischten Schmerzart gehören. Eine frühzeitige Therapie und regelmäßige Bewegung sind das A und O, um eine Chronifizierung der Beschwerden zu vermeiden.

  • Altersassoziierte Veränderungen des Körpers, die u. a. die Schmerzentstehung, Schmerzwahrnehmung und Reaktion auf die Therapie beeinflussen
    • Muskelatrophie
    • Knochenatrophie
    • Schleimhautatrophie
    • Erhöhter Anteil von Körperfett
    • Verminderter Anteil von Körperwasser
    • Verminderte Anzahl von Nephronen
    • Abnahme funktionsfähiger Nervenzellen
    • Abnahme elastischer Fasern
    • Abnahme von Plasmaproteinen

    Quelle: Siegel NR: Schmerz und Alter, www.geriatriezentrum.de/schmerzundalter.htm

    Degenerative Schmerzen

    Nicht nur der Rücken, sondern der gesamte Bewegungsapparat unterliegt alters- und belastungsbedingten Veränderungen. Betroffen sind Knochen, Muskeln, Bänder, Sehnen, Gelenke und natürlich die Wirbelsäule. Die Summe der jahrzehntelangen Belastungen macht sich im Alter immer stärker bemerkbar. Auch wenn diese sogenannten Verschleißerscheinungen, die Schmerzen und Mobilitätseinschränkungen zur Folge haben, nicht rückgängig zu machen sind, lassen sich die Beschwerden lindern und die Beweglichkeit verbessern. Zu den wesentlichen Erkrankungen des Bewegungsapparates gehören Arthrosen, Osteoporose, Muskelschwund und Knochenbrüche.

  • Rheumatische Schmerzen

    Unter dem Begriff Rheuma werden viele verschiedene Krankheitsbilder zusammengefasst. Charakteristisch für alle sind Schmerzen des Bewegungsapparates und starke Bewegungseinschränkungen. Grundsätzlich lassen sich die rund 400 verschiedenen Erkrankungen drei Kategorien zuordnen:

    1. Schmerzhafte Veränderungen von Muskeln, Bändern, Sehnen und Schleimbeuteln (= Weichteilrheumatismus)
    2. Verschleiß der Gelenke und dadurch bedingte Schädigung der schützenden Knorpel wie z. B. Arthrose (= degenerativ-rheumatische Erkrankungen)
    3. Entzündung der Gelenke durch Attacken des eigenen Immunsystems wie z. B. die rheumatoide Arthritis (= entzündliche Rheumaformen)

    Rheumatische Beschwerden sind meist Rezeptorschmerzen. Da Rheuma im medizinischen Sinne nicht heilbar ist, geht es bei der Therapie in erster Linie darum, ein Fortschreiten der Erkrankung zu vermeiden bzw. zu verlangsamen und die Schmerzen zu behandeln. In Deutschland sind rund 800.000 Menschen an Rheuma erkrankt.

  • Faktoren, die die Schmerzwahrnehmung und das Schmerzempfinden beeinflussen und bei der Diagnostik zu berücksichtigen sind
    • Veränderung des Organschmerzes
    • Underreporting of pain (Untertreiben/Verschweigen der Schmerzintensität)
    • Symptomenwandel
    • Multimorbidität
    • Verändertes Sensorium
    • Störung der Kommunikation und Lernfähigkeit durch kognitive Einschränkungen
    • Protrahiertes Schmerzerleben durch Depression und Vereinsamung

    Quelle: Siegel NR: Schmerz und Alter, www.geriatriezentrum.de/schmerzundalter.htm

    Nervenschmerzen

    Die bereits ausführlich beschriebenen Nervenschmerzen sind meist chronisch, treten überfallartig oder als Dauerschmerz auf und gehen mit einer veränderten Sensibilität einher: Durch die Nervenschädigung können eine erhöhte Berührungsempfindlichkeit und Taubheitsgefühle im Wechsel auftreten. Betroffen sind etwa 300.000 Menschen, die im Unterschied zu anderen chronischen Erkrankungen häufiger unter Depressionen, Ängsten und Schlafmangel leiden.

  • Tumorschmerzen

    Fast alle Menschen, die an Krebs erkranken, leiden unter starken Schmerzen. Die Schmerzen entstehen, wenn Tumore auf Nerven drücken oder Entzündungen auslösen. Aber auch Behandlungen wie Chemotherapie oder Bestrahlung können Schmerzen verursachen. Zum Glück muss sich kein Krebspatient mit seinen Schmerzen abfinden. Durch eine moderne Therapie lassen sich bei 90 bis 95 Prozent der Krebspatienten die Schmerzen erfolgreich lindern. Tumorschmerzen gehören zur gemischten Schmerzart.

  • Kopfschmerzen

    Fast jeder Mensch hat schon einmal Kopfschmerzen gehabt – in den meisten Fällen verursacht durch Stress, Schlafmangel, übermäßigen Alkohol- oder Nikotinkonsum sowie Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich. Da die verschiedenen Kopfschmerzarten wie Spannungskopfschmerz oder Migräne im Alter seltener auftreten, sollen sie an dieser Stelle nur kurz erwähnt werden.

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