Schmerztherapie bei Demenz

Ganzheitliche Schmerztherapie

Grundsätzlich unterscheidet sich die Schmerztherapie bei Demenzkranken nicht wesentlich von der kognitiv unbeeinträchtigter und/oder jüngerer Schmerzpatienten. Auch hier besteht die Behandlung aus einem Bündel von Maßnahmen, die darauf abzielen, die Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

  • Akute Schmerzen sofort behandeln

    Akute Schmerzen, denen eine eindeutige Ursache zugrunde liegt, können bei frühzeitiger Diagnose in der Regel erfolgreich behandelt werden. Werden die Schmerzen beispielsweise durch eine Gallenblasenentzündung hervorgerufen, gehören Antibiotika und/oder die operative Entfernung der Gallenblase zu den gängigen Therapieverfahren. Je nach Ausprägung der Schmerzen kann die vorübergehende Gabe von Schmerzmitteln angezeigt sein. Bei sehr geschwächten Patienten mit fortgeschrittener Demenz ist es jedoch möglich, dass die Ursache nicht mehr behandelt werden kann. In diesen Fällen kommt der Schmerztherapie eine große Bedeutung zu.

  • Schmerzarten

    Für eine erfolgreiche Behandlung ist es wichtig, den Schmerz nicht nur nach Stärke und Dauer, sondern auch nach der Art des Schmerzes zu beurteilen. Dies gilt für akute und chronische Schmerzen gleichermaßen. Es gibt drei verschiedene Schmerzarten:

    • Rezeptorschmerzen (ausgelöst durch Verletzungen oder Gewebeschädigungen)
    • Nervenschmerzen (ausgelöst durch eine Schädigung oder Fehlfunktion der Nervenfasern)
    • gemischte Schmerzen (Mischform aus Rezeptor- und Nervenschmerzen)

    Je nach Schmerzart erfolgen die Auswahl der Schmerzmedikamente und die Zusammensetzung der Therapie.

  • Verbesserung des Allgemeinzustands

    Alle Maßnahmen der aktivierenden Pflege, die eine der wichtigsten Grundregeln bei der Pflege von Demenzpatienten ist, dienen nicht nur der Vorbeugung von Beschwerden, sondern auch der Behandlung von Schmerzen. Da sich die Betroffenen im Verlauf ihrer Erkrankung immer weniger bewegen, sind Muskeln, Sehnen, Knochen und Bänder zunehmend geschwächt, verkürzt und schließlich versteift. Das verursacht nicht nur Schmerzen, sondern führt auch zum schnelleren Verlust der noch verbliebenen Fähigkeiten, weil der Erhalt der Selbstständigkeit untrennbar mit dem Erhalt der Beweglichkeit verbunden ist.

  • Typischen Schmerzen vorbeugen

    Damit es gar nicht erst zu bestimmten Beschwerden kommt, bedarf es großer Aufmerksamkeit und Sorgfalt bei der Pflege. Neben Bewegungsangeboten, die dem Funktionserhalt dienen, sollten Sie als Angehörige oder Angehöriger auf Folgendes achten:

    • Einen Demenzkranken sollten Sie regelmäßig auf wunde oder entzündete Stellen ("rote Hautstellen")hin untersuchen, um einen Dekubitus (= Druckgeschwür) oder schmerzhafte Hautreizungen durch falsch sitzende Kleidung und feuchte Inkontinenzvorlagen zu vermeiden bzw. rechtzeitig zu erkennen.
    • Regelmäßiges Essen, Trinken und Zähneputzen beugt Zahn- und Zahnfleischproblemen vor. Nahrungsverweigerung kann ein Indiz für Druckstellen im Mund z. B. durch lose sitzenden Zahnersatz oder eine Mundinfektion sein. Besondere Aufmerksamkeit ist nach einer Antibiotika- oder Chemotherapie geboten, wenn die Mundflora ohnehin anfällig ist für Pilzinfektionen.
    • Ermöglichen Sie dem Pflegebedürftigen, regelmäßig zur Toilette gehen zu können, auch wenn es für alle Beteiligten mühsam ist. So vermeidet man Bauchschmerzen durch eine übervolle Blase oder Verstopfung ebenso wie die Folgen von Inkontinenz (Blasenentzündung, Infektionen).

    Informieren Sie sich über die Pflege von Demenzkranken und insbesondere über die Grundsätze der aktivierenden Pflege. Adressen finden Sie unter Weitere Informationen

  • Nichtmedikamentöse Schmerztherapie

    Eine sanfte Mobilisierung kann je nach Allgemeinzustand des Patienten passive oder aktive Bewegungsübungen, gemeinsame Spaziergänge und Wasseranwendungen beinhalten. Ergo- und Physiotherapie, Massage sowie wärmende und kühlende Anwendungen lindern Schmerzen manchmal schneller und effektiver als Medikamente. Einen festen Platz in der Schmerztherapie haben auch Behandlungsmethoden wie Akupunktur und Nervenstimulation (TENS). Mit Nadeln bzw. elektrischen Impulsen werden die Nervenbahnen, die zugleich für die Weiterleitung der Schmerzreize verantwortlich sind, stimuliert. Im Normalfall wird der Schmerz dadurch überlagert und das Schmerzempfinden verringert. Leider liegen bisher kaum Ergebnisse zur Wirksamkeit von Akupunktur bei Demenz vor. Einen positiven Effekt auf den Allgemeinzustand des Betroffenen haben darüber hinaus einfache, aber zeitintensive Maßnahmen wie Trost, Aufmerksamkeit, Kommunikation, Beschäftigung, Zuwendung und Berührungen, da diese dem inneren Rückzug des Demenzkranken entgegenwirken.

  • Medikamente

    Noch immer stehen viele Menschen einer Schmerzbehandlung mit Medikamenten und vor allem dem Einsatz von Opioiden skeptisch gegenüber, weil sie Angst vor Nebenwirkungen und Abhängigkeit haben. Diese Bedenken sind jedoch unbegründet, wenn die Besonderheiten älterer Schmerzpatienten bei der Therapie – vor allem mögliche Wechselwirkungen mit anderen Wirkstoffen – berücksichtigt werden (s. Kap. 1.2) und man sich strikt an die Vorgaben des Arztes hält. Letztlich geht es darum, die Schmerzen auf ein erträgliches Niveau zu senken und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

    Wichtiger Hinweis: Bei Demenzkranken müssen Angehörige und/oder das Pflegepersonal für die Einhaltung des Therapieplans sorgen.

    Grundsätzlich stehen für die Behandlung chronischer Schmerzen verschiedene Gruppen von Schmerzmedikamenten (= Analgetika) zur Verfügung. Entsprechend ihrer Wirkstärke werden sie in Nicht-Opioide (z. B. Paracetamol), in schwache und starke Opioide unterteilt.

    Bei leichten bis mittleren Schmerzen kommen zunächst nichtopioide Schmerzmittel zum Einsatz. Da diese überwiegend frei verkäuflich sind, glauben viele Menschen, deren Einnahme sei absolut unbedenklich. Das stimmt jedoch nicht. Über einen längeren Zeitraum können sie vor allem bei älteren Menschen starke Nebenwirkungen hervorrufen. Das gilt besonders für die beliebten Rheumamittel Diclofenac und Ibuprofen, die nur mit ärztlicher Verordnung eingenommen werden sollten. Lassen die Schmerzen nicht nach, ist es in den meisten Fällen besser, auf Opioide umzusteigen, als die Dosis der Nicht-Opioide weiter zu erhöhen.

    Opioide sind starke Schmerzmittel, die die Weiterleitung von Schmerzsignalen im Rückenmark und im Gehirn hemmen und dabei zuverlässig die schmerzstillende Wirkung der körpereigenen Substanzen nachahmen. Bei korrekter Anwendung führt die Einnahme von Opioiden in der Regel nicht zu einer psychischen Abhängigkeit, wie viele Menschen fürchten. Dafür sorgen vor allem sogenannte "retardierte" Opioide, die den Wirkstoff kontinuierlich freisetzen, so dass die Konzentration im Blut auf konstantem Niveau gehalten wird und eine anregende Wirkung ausbleibt. Durch retardierte Präparate lässt sich auch das Sturzrisiko, das in den ersten 14 Tagen erhöht ist, reduzieren. Das erfordert allerdings die regelmäßige Einnahme nach einem festen Zeitplan. Als große Erleichterung empfinden daher viele Patienten bzw. deren Angehörige die Behandlung mit Schmerzpflastern, die je nach Präparat nur alle drei bis sieben Tage gewechselt werden müssen. Alle Opioide (auch Pflaster) bedürfen allerdings der ärztlichen Überwachung und einer sorgfältigen Beobachtung durch Angehörige, da Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit, Verstopfung, Harnverhalt oder Atemprobleme auftreten können.

    Da auch Opioide nicht bei allen Schmerzpatienten helfen, setzen viele Ärzte auf die Kombination mehrerer Medikamente, die ihre Wirkung an verschiedenen Stellen des Körpers auf unterschiedliche Weise entfalten. So fördern z. B. Antidepressiva oder krampflösende Mittel Schmerzmedikamente in ihrer Wirkung. An dieser Stelle sei noch darauf hingewiesen, dass die Einnahme von Opioiden bei richtig gewählter Dosierung nicht mit einer Verschlechterung des Geisteszustands oder der Wahrnehmungsfähigkeit von Demenzkranken einhergeht, wie häufig angenommen wird. Insgesamt kann eine gute Schmerztherapie sogar zur Stabilisierung geistiger Funktionen beitragen.

Ursachen und Folgen unzureichender Behandlung

Als die Angehörigen eines Demenzkranken wissen Sie, wie wichtig es ist, die noch verbliebenen Fähigkeiten der oder des Betroffenen zu fördern, um den Krankheitsprozess zu verlangsamen und die Alltagskompetenz so lange wie möglich zu erhalten. Eine unerkannte Schmerzerkrankung macht all diese Bemühungen zunichte und verursacht unendliches Leid. Mit zunehmender Schmerzdauer und -intensität treten typische Begleiterscheinungen wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Schwindel und Übelkeit auf. Diese Symptome zeigen sich bei den meisten Schmerzpatienten, unabhängig von Alter und geistiger Verfassung.

Bei Demenzkranken verschlechtert sich darüber hinaus ihr Allgemeinzustand. Sie werden verwirrter, können sich nur noch schlecht konzentrieren und nehmen ihre Umwelt kaum noch wahr. Mit dem Nachlassen von Kognition, Sozialkompetenz und Mobilität geht unweigerlich ein Verlust der Selbstständigkeit einher. All das kann zu Angst und Depression führen, die ihrerseits ebenso dringend wie die Schmerzen behandelt werden müssen. Umgekehrt belegen Studien, dass eine systematisch durchgeführte Schmerztherapie nicht nur die Beschwerden deutlich mindert, sondern auch den Gesamtzustand von Demenzkranken erheblich verbessert. Das bedeutet für Angehörige und Pflegepersonal auch eine deutliche Entlastung bei der Versorgung.

   nach oben